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Die staatslabor-Idee ist nicht aus dem Nichts entstanden

«Gute Ideen wandern von einer Organisation zur nächsten und entwickeln sich laufend weiter», sagt staatslabor-Mitgründerin Alenka Bonnard.
«Gute Ideen wandern von einer Organisation zur nächsten und entwickeln sich laufend weiter», sagt staatslabor-Mitgründerin Alenka Bonnard.

Viele starke Projekte haben starke Vorbilder. Das gilt auch für das staatslabor, das nun seit einem guten Jahr Realität ist. Es hat in dieser Zeit eine Vision neuer Verwaltungsformen für die Schweiz erarbeitet und dabei viel von Vorbildern gelernt.

Alenka Bonnard, eine der Gründerinnen des von Engagement Migros ermöglichten Projekts, nennt drei besonders prägende Plattformen aus England, Dänemark und Frankreich und gibt Auskunft, wie diese Vorbilder auf die Schweiz übersetzt wurden. Ist Abschauen legitim? Oder zeugt es von mangelnder Originalität und fehlenden eigenen Ideen? Es zeigt sich: Gute Projekte vollführen einen Spagat zwischen Inspiration und Originalität, zwischen Übernehmen und Neu-Denken.

Nesta (UK)
Nesta is a global innovation foundation. We back new ideas to tackle the big challenges of our time. We see a future full of potential, where new ideas solve the big challenges that matter to everyone.

Nesta ist eine grosse britische Stiftung, deren Ziel es ist, mit innovativen Methoden in gesellschaftlichen Spannungsfeldern wie Gesundheitswesen, Bildung und Kultur Impulse zu setzen. Vor allem in Grossbritannien beeindruckt die staatslabor-Macher der Mut, konsequent auf evidenzbasierte Methoden zu setzen und soziale Innovation wissenschaftlich zu fundieren. «In Grossbritannien ist ein anderer, visionärer Ansatz im Stiftungswesen spürbar, eine Zukunftsgewandtheit, die sich auch nicht scheut, mit alten Strukturen zu brechen», so Alenka Bonnard. Nicht umsonst sei der Nobelpreis dieses Jahr an Richard Thaler gegangen, einen Verhaltensökonomen, der erforscht, wie man Leute unterstützen kann, optimale Entscheidungen zu treffen (durch sogenannte Nudges). Diese Erkenntnisse aus der Verhaltensökonomie konsequent anzuwenden, ist im angelsächsischen Raum schon gang und gäbe – da sehen die staatslabor-Macher hierzulande grosses Potenzial.

MindLab (Dänemark)

MindLab is a cross-governmental innovation unit which involves citizens and businesses in creating new solutions for society.

Auf den ersten Blick macht das MindLab einen ähnlichen Eindruck wie Nesta. Aber es gibt einen grossen und entscheidenden strukturellen Unterschied: Die dänische Initiative ist aus dem Verwaltungsapparat selber herausgewachsen, als Ort, wo übergreifende neue Ideen entwickelt werden können. Auch Alenka Bonnard ist überzeugt: Die komplexen Herausforderungen, denen sich unsere heutige Gesellschaft gegenübersieht, passen nicht mehr einfach so in Departementsstrukturen. «Neue flexible Organisationsformen tun not, mehr Dialog innerhalb der Verwaltung muss gefördert werden.» Das mache das MindLab beispielhaft, dieses Hinterfragen und Auflösen von eingefahrenen Strukturen. Das MindLab gehört zu den Vorreitern der «cross-governmental innovation». Seine Förderung der departementsübergreifenden Zusammenarbeit hat inzwischen viele Nachahmer in anderen Ländern gefunden. 

La 27e Région (Frankreich)
La 27e Région conduit des programmes de «recherche-action» visant à tester de nouvelles méthodes d’innovation qui  privilégient l’expérience vécue par les utilisateurs, agents et citoyens, comme un point de départ pour réinterroger les politiques publiques.

Die französische Initiative La 27e Région befähigt Verwaltungen, selber Innovationsprozesse anzustossen und umzusetzen. Was sie in den Augen der staatslabor-Gründerin zudem auszeichnet, ist ihr «Hands-on-Ansatz». Hier werden im direkten, persönlichen Austausch neue Wege der Begegnung von Staat und Bürger erkundet und erprobt. Dieser Fokus auf die Menschen und ihre Bedürfnisse und die möglichen Formen, wie dieser Kontakt auch tatsächlich zustande kommen kann, sind für das staatslabor vorbildlich. Hier wird weniger wissenschaftlich-rational als partizipativ und gewissermassen ethnografisch gearbeitet. Mit wem hat es der Staat zu tun? Mit Menschen, nicht mit Funktionseinheiten. «In Frankreich versucht man herauszufinden, wie der Mensch im 21. Jahrhundert funktioniert und wie der Staat mit den Menschen am besten umgeht – davon lassen wir uns gerne inspirieren», so Alenka Bonnard.

Schweiz als Teil einer internationalen Bewegung
Das staatslabor pflegt seit dem Start den Austausch mit all diesen Organisationen. «Es gibt bereits eine internationale Bewegung – und die Schweiz sollte Teil davon sein.» Das sei von Anfang an ihr Antrieb gewesen, sagt Alenka Bonnard. Wenn sie von einer neuen Initiative höre, dann schreibe sie auch mal eine E-Mail, ganz ungeniert, um mehr zu erfahren. Und so entsteht so etwas wie eine Ökonomie der Ideen, ein reger Austausch und auch ein gegenseitiges Anspornen: Was funktioniert wo am besten? Was kann man übernehmen – und wie kann man Ideen auch noch weiterentwickeln? «Auf diese Art und Weise wandern gute Ideen von einer Organisation zur nächsten und entwickeln sich laufend weiter», so die staatslabor-Mitgründerin.

«Ich lebe in der Schweiz. Dieses System und diese Kultur kenne ich – wenn ich hier etwas bewege, ist es direkt mit meinem Alltag verbunden», sagt staatslabor-Mitgründerin Alenka Bonnard.

«Ich lebe in der Schweiz. Dieses System und diese Kultur kenne ich – wenn ich hier etwas bewege, ist es direkt mit meinem Alltag verbunden», sagt staatslabor-Mitgründerin Alenka Bonnard.

Woran das staatslabor auch in der Schweiz arbeiten möchte: an neuen Wegen, säumige Bürger zur Begleichung ihrer Steuerschuld zu bewegen. In England ist man das Problem streng wissenschaftlich angegangen und hat in randomisierten Studien erhoben, wie man am besten Motivationssignale sendet. Die Studienmethode ist aus der Medizin bekannt: Eine Gruppe wird «behandelt», eine zweite dient als Kontrolle, dann lässt sich nach harten statistischen Standards eruieren, was wirklich funktioniert und was nicht. Resultat der englischen Testreihe: Die effektivste Methode ist es, den säumigen Steuerzahlern aufzuzeigen, wie viele ihrer Nachbarn ihre Bürgerpflicht schon längst erfüllt haben.

«Ideen aus dem Ausland eins zu eins übernehmen – das funktioniert nicht.»

Eines haben die staatslabor-Macher gelernt: «Ideen aus dem Ausland eins zu eins übernehmen – das funktioniert nicht.» Jedes Land sei besonders, und gerade die Schweiz weise ein paar sehr spezifische Besonderheiten auf – Stichwort Föderalismus. Für das Steuerschuld-Problem eruiere das staatslabor deshalb zunächst den spezifischen Bedarf mit den kantonalen Verwaltungen. Einem Kanton hat man vorgeschlagen, eine randomisierte Testreihe mit Jugendlichen durchzuführen, die von der ersten Steuererklärung auf dem falschen Fuss erwischt werden, und so herauszufinden, wie man sie am besten in diese Bürgerpflicht hineinbegleitet.

Ein weiteres Beispiel, für das man sich im Ausland hat inspirieren lassen: die Verbesserung der Sozialhilfeformulare. Mit einem Kanton ist man nun daran, neue Antragsformulare auszuarbeiten, und zwar in enger Zusammenarbeit mit Antragstellern wie auch Sachbearbeitern aus der Verwaltung. Denn diese beiden Gruppen sind es, welche die Formulare am Ende auch nutzen werden, ihren Bedürfnissen gilt es gerecht zu werden. Dieses Human Centered Design, das nutzerorientierte Entwickeln von Dienstleistungen, sei für die Schweizer Verwaltungen auch noch eher neu.
 

«Die Verwaltung» gibt es nicht

Speziell wichtig in der Schweiz sei es, die verschiedenen Akteure zusammenzubringen. Gerade die Kantone seien oft entscheidend bei der Umsetzung neuer Verwaltungsformen – es bringt also nichts, Reformen nur auf Bundesebene anstossen zu wollen. Genau das mache die Arbeit im staatslabor so spannend: die Vielschichtigkeit und kleinteilige Organisation des Schweizer Politsystems, die «Granularität», wie es Alenka Bonnard nennt. Ein rein zentralistischer Ansatz, wie er zum Beispiel in England Tradition habe, würde hier wohl kaum funktionieren

Eine wichtige Aufgabe sieht das staatslabor deshalb darin, Wege zu finden, die verschiedenen Akteure an einen Tisch zu bringen. Ebenso wichtig wie konkrete Arbeitstreffen sind dabei informelle Formen wie zum Beispiel das «Zu Tisch»-Format, bei dem verschiedene Vertreter der Verwaltung ganz ungezwungen zum Essen zusammenkommen und sich austauschen können. Grundsätzlich findet Bonnard: «Dass es ‹die Verwaltung› hierzulande nicht gibt, hat spannende Konsequenzen – auch für die weitere Entwicklung des staatslabors.» Sie würde jedenfalls nirgendwo sonst als in der Schweiz an diesen Ideen arbeiten wollen, so spannend sie die Arbeit der Vorbilder auch findet: «Ich lebe in der Schweiz. Dieses System und diese Kultur kenne ich – wenn ich hier etwas bewege, ist es direkt mit meinem Alltag verbunden.»


Engagement Migros ermöglicht den Aufbau des staatslabors. Die Kompetenzplattform macht moderne Innovationsmethoden, wie sie in der Privatwirtschaft und in NGOs bereits erfolgreich angewandt werden, der öffentlichen Verwaltung zugänglich.