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SINGA Factory

«Beim Aufbau eines Start-ups kommen weiche Faktoren oft zu kurz.»

«Auf der menschlichen Ebene hat es gepasst. Es braucht aber noch viel mehr», stellten die SINGA-Gründerinnen Mirjam Walser und Seraina Soldner fest. Foto: John Patrick Walder
«Auf der menschlichen Ebene hat es gepasst. Es braucht aber noch viel mehr», stellten die SINGA-Gründerinnen Mirjam Walser und Seraina Soldner fest. Foto: John Patrick Walder

Nach einem Jahr gehen die SINGA-Gründerinnen Seraina Soldner und Mirjam Walser getrennte Wege. Im Januar haben Seraina Soldner und die neue Co-Leiterin Tina Erb die SINGA Factory übernommen. Mirjam Walser ist aus dem erfolgreichen Projekt im Guten ausgestiegen. Warum die Kollaboration nicht funktionierte, erzählen die beiden im Interview zusammen mit Samira Lütscher, die das Projekt aufseiten von Engagement Migros betreut. Mit dem offenen Umgang über die Schwierigkeiten ihrer Teamarbeit wollen sie andere Gründerinnen und Gründer sensibilisieren. Ihr Plädoyer: Probleme in der zwischenmenschlichen Zusammenarbeit sollten in der Start-up-Welt kein Tabu mehr sein.

Seraina Soldner und Mirjam Walser, Ihre Zusammenarbeit für die SINGA Factory endete im Dezember. Mirjam Walser steigt aus. Wie ist es dazu gekommen?
Mirjam Walser:
Die Startphase war sehr intensiv. Wir wollten einfach nur abliefern und schnell Resultate präsentieren. Über die konkrete Aufgabenteilung und darüber, was uns bei der Zusammenarbeit wichtig ist, haben wir nie gesprochen. Als ich nach sechs Monaten zum ersten Mal ein wenig durchatmen konnte, realisierte ich, dass sich unterschiedliche Vorstellungen bezüglich der langfristigen Zusammenarbeit entwickelt hatten. Wir waren wie zwei Eisschollen, die immer weiter auseinanderdrifteten. Zu erkennen, dass es nicht funktioniert, war unheimlich enttäuschend für mich.
Seraina Soldner: Wir haben während der ersten vier Monate des Projekts nicht am selben Ort gearbeitet. Ich kam nicht aus meinem damaligen Arbeitsvertrag raus und arbeitete in Genf gleichzeitig in meinem alten Job und für die SINGA Factory, während Mirjam in Zürich und Bern war. Auf der menschlichen Ebene hat es gepasst, wir waren euphorisch und freuten uns auf die neue Aufgabe. Das hat uns verbunden. Es braucht aber noch viel mehr. 

Viel Austausch über die Projektinhalte, aber zu wenig über die Zusammenarbeit: Rückblickend würden die SINGA-Gründerinnen der Teambildung mehr Beachtung schenken.
Viel Austausch über die Projektinhalte, aber zu wenig über die Zusammenarbeit: Rückblickend würden die SINGA-Gründerinnen der Teambildung mehr Beachtung schenken.

Wo sehen Sie den grössten Knackpunkt?
S. Sol.:
Am Anfang musste alles schnell gehen. Wegen des hohen Tempos und der räumlichen Distanz blieb die Kommunikation auf der Strecke, obwohl wir beide grundsätzlich viel Wert darauf legen. 
M. W.: Wir haben uns zwar viel über die Inhalte und Ziele unseres Projekts ausgetauscht, aber nie darüber, was uns in unserer Zusammenarbeit wichtig ist. Könnte ich die Uhr zurückdrehen, würde ich mehr Wert auf die Teambildung legen. Auch wenn man sich auf persönlicher Ebene sympathisch ist, heisst das nicht, dass es auch auf beruflicher Ebene funktioniert. Rückblickend ist mir klar, dass ich ein sehr hohes Tempo anschlug. Das kann zu Spannungen führen. Diese hätten wir entschärfen können, wenn wir darüber geredet hätten.

S. Sol.: Das ist aber auch Mirjams Stärke. Sie legt einfach los. Ein Problem war, dass ich manchmal das Gefühl hatte, ich würde in Genf hinterherhinken. Teilweise wusste ich nicht, woran sie arbeitet, und erweckte bei ihr durch mein Nachfragen den Eindruck, ich wolle sie kontrollieren. Offene Gespräche hatten wir erst, als wir uns einen Coach genommen hatten, um die Endphase gemeinsam konstruktiv zu meistern. Diese Hilfe holten wir uns aber erst, nachdem Mirjam ihren Ausstieg angekündigt hatte. Das war leider viel zu spät. 

«Die Kommunikation blieb auf der Strecke.»

Wie reagierte Engagement Migros auf Ihren Ausstieg, Mirjam Walser?
M. W.: Zuerst war ich nervös. Engagement Migros hat uns viel Vertrauen geschenkt. Und dann kommen wir mit der Nachricht, dass es doch nicht geht. Ich war erleichtert, als so verständnisvoll reagiert wurde.
S. Sol.: Ich habe das auch positiv in Erinnerung. Wir wurden aufgefangen, und mein Verhältnis zu Engagement Migros hat sich dadurch nochmals verändert. Ich habe mehr Vertrauen in die Zusammenarbeit und das Gefühl, dass wir uns auf Augenhöhe treffen.
Samira Lütscher: Mir war klar, dass diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen wurde. Uns ist in einer solchen Situation vor allem Offenheit und Ehrlichkeit wichtig. Als Förderer sind wir nicht ins Alltagsgeschäft involviert und bemerken auftauchende Schwierigkeiten in den Teams nicht sofort. Deshalb vertrauen wir darauf, dass unsere Projektpartner mit ihren Problemen direkt auf uns zukommen. Wie Seraina und Mirjam den Leitungswechsel mitteilten, war überlegt und professionell. Vorbildlich war insbesondere die Art und Weise, wie sie einander in dieser schwierigen Situation mit Wertschätzung begegneten und bis zum Schluss konstruktiv zusammenarbeiteten. Sie haben im Interesse des Projekts gehandelt und eine saubere Übergabe gemacht. 

«Eine Enttabuisierung dieses Themas würde helfen.»

Was raten Sie anderen Gründerinnen und Gründern, damit die anspruchsvolle Startphase gemeistert werden kann?
S. Sol.: Egal wie gut es zu Beginn passt, würde ich jedem Start-up raten, sich einen Coach zu nehmen und sich in der Anfangszeit begleiten zu lassen. Hochleistungssportler brauchen fast täglich einen Physiotherapeuten, warum sollten sich dann Selbstständige oder Teams, die einem hohen Druck ausgesetzt sind, nicht auch ab und zu Unterstützung holen?Zudem plädiere ich für Offenheit. Im Gründerumfeld ist es wichtig, stets perfekt zu sein und keine Fehler zu machen. Eine Enttabuisierung dieses Themas würde helfen. Mir fiel es am Anfang auch schwer, darüber zu sprechen. Wie sollte ich den Leuten Mirjams Ausstieg erklären? Ich hatte Angst vor den Reaktionen und war überrascht, als die meisten mit viel Verständnis reagierten.
M. W.: Als ich selber Rat suchte, merkte ich, dass es auch anderen Gründern so geht wie mir, sie sich aber nicht trauen, offen darüber zu sprechen.
S. L.: Hier spielt sicher die harte Konkurrenz unter Gründern eine Rolle, aber auch der persönliche Selbstschutz. Statt sich zu verstecken und das verkümmernde Land durch Mauern abzuschotten, ist es am Ende fruchtbarer, den Boden umzupflügen, damit wieder etwas Neues wachsen kann. Der Aufbau einer konstruktiven Fehlerkultur – darin sehen wir auch für Engagement Migros eine Aufgabe.

«Wir wollten einfach nur abliefern und schnell Resultate präsentieren», erinnert sich Mirjam Walser an die ersten Monate nach der Gründung der SINGA Factory.
«Wir wollten einfach nur abliefern und schnell Resultate präsentieren», erinnert sich Mirjam Walser an die ersten Monate nach der Gründung der SINGA Factory.

Wie gross ist der Druck, wenn man von einem Förderer mit einer substanziellen Summe unterstützt wird?
M. W.: Druck von Engagement Migros habe ich eigentlich nie gespürt. Den haben wir uns selber gemacht. Wir wollten perfekt sein. Der Launch musste schnell passieren, zudem hatten wir auch Erwartungen von SINGA Deutschland und SINGA Frankreich zu erfüllen.
S. L.: Als Unterstützer sind wir gerade in der Anfangsphase sehr präsent und arbeiten intensiv an der gemeinsamen Zielvereinbarung. Die substanzielle Förderung und enge Begleitung drückt natürlich eine gewisse Erwartung aus – ich fände es aber schade, wenn sie als Druck von oben rüberkommt. Vielmehr soll sie die Eigenenergie der Projekte kraftvoll unterstützen.

«Ich rate jedem Start-up, sich am Anfang einen Coach zu nehmen.»

Welche «lessons learned» gibt es aufseiten von Engagement Migros?
S. L.: Uns ist es wichtig, dass auf beiden Seiten ein starkes Grundvertrauen da ist. Künftig werden wir zwischenmenschliche Themen auch von uns aus vermehrt ansprechen. Hohes Tempo bedeutet Schwung, kann einen aber auch zu Boden reissen – eine schwierige Gratwanderung. Beim Aufbau eines Projekts stehen zu oft nur harte Facts wie Output und Leistung im Vordergrund, weiche Faktoren wie Teambildung und persönliche Ressourcen kommen zu kurz. Rückblickend ist es oft klarer, deshalb ist es uns ein Anliegen, dass unsere Projekte von den Erfahrungen der anderen profitieren können. Wer Neues wagt, steht vor vergleichbaren Herausforderungen – deshalb möchten wir unsere Pionierprojekte in Zukunft noch besser untereinander vernetzen.