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OFFCUT statt Wegwerfgesellschaft

Mehr als eine Markt-Idee: OFFCUT regt zur kreativen Auseinandersetzung mit Restmaterialien an. Foto: John Patrick Walder.
Mehr als eine Markt-Idee: OFFCUT regt zur kreativen Auseinandersetzung mit Restmaterialien an. Foto: John Patrick Walder.

Vielleicht fängt man besser verkehrt herum an, wenn man das Projekt OFFCUT beschreiben möchte. Nein, OFFCUT ist kein Brockenhaus. OFFCUT ist auch keine Bauteilbörse. OFFCUT ist im Grunde gar kein Laden – oder nicht nur; es ist eine sozioökonomische Vision: Was manche achtlos wegwerfen, ist für andere immer noch Gold (oder zumindest ein wenig Geld) wert. Und erst noch inspirierender als genormtes Material ab der Stange.


Rohstoff statt Reststoff

Die Frage ist bloss: Wie macht man Dinge nützlich, die eben noch als nutzlos angesehen wurden? Beziehungsweise: Wie kann man dafür sorgen, dass die achtlosen Wegwerfer und die Merci-das-nehme-ich-gern!-Rufer zusammenfinden? Es braucht, als Konkretisierung der OFFCUT-Idee, eben einen Laden, das heisst eine grosse Lagerhalle im Basler Dreispitz-Areal. Hier werden von Resten über Mängelexemplare und Muster bis hin zu ausgedientem Bühnen- und Setmaterial alle möglichen Dinge angeboten, die sich – mit der passenden Idee – upcyclen lassen. Das heisst nicht einfach recyclen wie beim Altpapier, sondern zu etwas Neuem, Schönen, Spannenden machen. Klassisches Beispiel dafür: Umhängetaschen aus alten Lastwagenblachen. Potenzial für solches Upcycling sehen vor allem kreative Köpfe, darunter auch Künstlerinnen und Künstler.

Die Köpfe hinter OFFCUT: Tanja Gantner und Simone Schelker. Foto: John Patrick Walder.
Die Köpfe hinter OFFCUT: Tanja Gantner und Simone Schelker. Foto: John Patrick Walder.

Grosse Nachfrage

Tatsächlich ist der Bedarf in diesen Kreisen nach einem solchen Sammelsurium-Shop gross, und zwar nicht nur in Basel. Die Macherinnen Simone Schelker und Tanja Gantner werden immer wieder gefragt, ob sie nicht auch Ableger in anderen Städten aufmachen könnten. Nun hätten sie mit Basel ja eigentlich genug zu tun. Aber irgendwann haben sie sich gedacht: Warum eigentlich nicht? Denn gute Gründe, die Initiative über Basel hinaus zu denken, gibt es genug. Damit die OFFCUT-Idee funktioniert, geht es zunächst auch um Bekanntheit. Und zwar nicht nur auf Seiten der «Verwender», sondern auch der «Abgeber»: Kleingewerbe, Privatpersonen, auch mal eine grosse Firma.

Von der Vision zur konkreten Strategie

Also: Expansion. Und eben da kommt Engagement Migros ins Spiel. Durch die Unterstützung können die Macherinnen die OFFCUT-Vision in eine konkrete Strategie umsetzen – zudem können sie eine professionelle Projektleitung mit ins Boot holen. «Es ist uns wichtig, dass die Macherinnen ihre Idee skalieren können – und auch wollen», sagt Samira Lütscher, die bei Engagement Migros für das Projekt zuständig ist. Überzeugt hat sie ausserdem, dass die Initiative zur Expansion nicht von Basel oder von seiten der Förderer kam. «Das Bedürfnis in anderen Städten ist offensichtlich schon da und die Community muss nicht erst mit einem Top-Down-Ansatz aufgebaut werden»,  so Lütscher. Und nicht zuletzt vereine das Projekt auf beispielhafte Weise soziale, ökologische, ökonomische Nachhaltigkeit, also alles, wofür Engagement Migros einstehe.

«Es muss cool werden, Resten weiterzuverwerten.»

Als erstes geht es nun darum, eine Dachorganisation aufzubauen und Wege zu finden, die Schweizer von Upcycling zu überzeugen. Und zwar nicht nur diejenigen Bevölkerungskreise, die sowieso viel mit Material zu tun haben: «Es muss cool werden, Resten und Gebrauchtes weiterzuverwerten, anstatt sie einfach zu entsorgen.»  Deshalb ist OFFCUT eben mehr als eine Markt-Idee – man möchte zur kreativen Auseinandersetzung mit Restmaterialien und gebrauchten Rohstoffen anregen. Und so vermittelt OFFCUT neben dem Materialverkauf auch Wissen und Techniken zu Upcycling.

OFFCUT rettet Überschuss-, Rest- und Gebrauchtmaterialien vor der Entsorgung. Foto: John Patrick Walder.
OFFCUT rettet Überschuss-, Rest- und Gebrauchtmaterialien vor der Entsorgung. Foto: John Patrick Walder.

Gesellschaftlichen Wandel anstupsen

Auch auf politischer Ebene wollen die Macherinnen aktiv werden. Denn noch besser wäre es, wenn die Upcycling-Philosophie selbstverständlicher Teil des subventionierten Entsorgungsbetriebs würde. Jedenfalls: Es geht darum, «einen gesellschaftlichen Wandel anzustupsen», sei es beim einzelnen Bürger oder auch in der Wirtschaft. Ein unmittelbares Ziel ist es deshalb auch, mehr Firmen für die Idee zu gewinnen und die Entsorgungskreisläufe im grösseren Stil aufzubrechen – die Verkaufsfläche in Basel soll nur der Anfang sein.

Auch hier sehen die Macherinnen grosse Vorteile, wenn OFFCUT überregional aktiv wird: Es gebe nun einmal nicht so viel produzierendes Gewerbe in der Schweiz, da stelle sich rasch auch die Verteilungsfrage. Wenn die Materialmärkte zusammenarbeiten, dann kann man den Materialpool koordinieren und möglichst diverse Schätze an allen Standorten anbieten. Die Vision derzeit ist, in drei Städten präsent zu sein. Nach Basel wird voraussichtlich Zürich das nächste Standbein, die Vorbereitungen dafür sind im Gange.