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Museum Rietberg: «Nice to have» war einmal

Die Vermittlungsangebote von «Kunst sehen – Religion verstehen» am Museum Rietberg entstehen in enger Zusammenarbeit mit Lehrkräften und Schulklassen. Foto: John Patrick Walder.
Die Vermittlungsangebote von «Kunst sehen – Religion verstehen» am Museum Rietberg entstehen in enger Zusammenarbeit mit Lehrkräften und Schulklassen. Foto: John Patrick Walder.

Mit Kunst sehen – Religion verstehen stärkt das Museum Rietberg seine Vermittlungsarbeit für Schulklassen: Diverse Angebote bieten Vertiefungsmöglichkeiten zu Buddhismus und Hinduismus – vor Ort im Museum, online und im Schulzimmer. Erstmals arbeitet die Vermittlung zusammen mit Projektklassen schon bei der Konzeption einer Ausstellung mit – ein Novum für das Haus.

«Sucht einen Buddha!» lautet die Aufgabe der Kunstvermittlerin Caroline Spicker. Das lassen sich die Schulkinder nicht zweimal sagen. Schon schwirren sie neugierig aus, um die Regale des reichhaltigen Schaudepots zu erkunden. Hier im Untergeschoss des Museums Rietberg befinden sich Tausende von Skulpturen, Masken und Schmuckstücken aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien.

Die Kinder nehmen an einem Workshop über Buddha-Figuren teil und haben seine typischen Merkmale kennengelernt. «Wir geben den Schülerinnen und Schülern das Rüstzeug, um das Museum für sich zu erschliessen,» erzählt Caroline Widmer vom Museum Rietberg. «So bleiben die Statuen nicht einfach alte, verstaubte Steine.» Mit Erzählungen liessen sich die Götter zum Leben erwecken. «Ganesha zum Beispiel mag nach der indischen Überlieferung Süssigkeiten, Shiva und seine Frau Parvati spielen gerne – und schummeln manchmal.» Den Kindern gefiele dies. Die gemeinsame Auseinandersetzung mit den Kunstobjekten schärft die Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen und  ermächtigt sie dazu, hinduistische, buddhistische oder überhaupt religiöse Symbole auch im Alltag einordnen zu können. 

Abstrakte Themen greifbar machen

Caroline Widmer ist Leiterin des Projekts Kunst sehen – Religion verstehen, das der Förderfonds Engagement Migros ermöglicht. Durch das dreijährige Vorhaben, das im Frühling 2015 gestartet wurde, wird die Vermittlungsarbeit des Museums ausgebaut. Mit zusätzlichen massgeschneiderten Angeboten für Schulklassen, Lehrkräfte und Ausbildungsstätten sollen diese Publikumskreise gestärkt werden. «Gerade bei der Vermittlung des Buddhismus und Hinduismus fällt es vielen Lehrpersonen schwer, Berührungspunkte im Leben der Schülerinnen und Schüler zu finden», erklärt Widmer. «Unsere Sammlung bietet viele verschiedene Zugänge zum Thema. Auch der schulische Leistungsdruck, ob „richtig“ oder „falsch“ fällt weg.»

Johannes Beltz, stellvertretender Direktor des Museums, war an der Entwicklung des Lehrmittels des Zürcher Schulfachs «Kultur und Religion» beteiligt, «Kunst sehen – Religion verstehen» knüpft nun direkt an den Lehrplan des Kantons an. Bisher werden neun Workshops zum Buddhismus und Hinduismus angeboten und unter Einbezug von Lehrpersonen und Projektklassen stets weiterentwickelt. Nach zahlreichen Begegnungen mit Experten der Pädagogischen Hochschule Zürich und Lehrpersonen hat das Projektteam zudem Begleitmaterialien entwickelt, die den Museumsbesuch einrahmen. «Pfannenfertig zum Downloaden und Anwenden», so Widmer. Für die Schüler macht das Museum abstrakte Themen greifbarer, für Lehrpersonen und Ausbildungsstätten hat es sich als Fachstelle und Kompetenzzentrum etabliert.

Über hundert Kinder mit ihren Familien besuchten die Abschlussfeier der Pilotklassen und präsentierten eigene Projekte zu Buddha und Ganesha. Foto: John Patrick Walder

Ortsunabhängige Angebote

«Kunst sehen – Religion verstehen» ist eine Erfolgsgeschichte. «Wir erhalten extrem gute Rückmeldungen», freut sich Caroline Widmer. «Lehrpersonen, die hier waren, kommen mit anderen Klassen wieder. Inzwischen muss man frühzeitig planen, um noch einen freien Platz zu bekommen. Wichtiger Bestandteil des Projekts sind daher auch neue Angebote, das Museum in digitaler und analoger Form direkt in die Schulzimmer oder nach Hause zu bringen.» Wie etwa durch die Onlineplattform ZOOM, bei der man auf einer virtuellen Entdeckungsreise die hinduistischen Gottheiten Shiva, Ganesha und Durga spielerisch kennenlernt. Besonders erfreulich sei, dass viele Schülerinnen und Schüler mit ihren Familien ins Rietberg zurückkehren und zum Beispiel selbständig eine der Rallyes durchs Museum machen, die auch im Rahmen des Projekts konzipiert wurden.

«Der Vermittlungsarbeit wurde zum richtigen Zeitpunkt Flügel verliehen.»

Die Zusammenarbeit mit Engagement Migros war von Anfang an eng. «Wir wurden beim Ausarbeiten der Projektziele und dem Aufbau des Netzwerks bestens unterstützt», so Caroline Spicker, Leiterin der Kunstvermittlung. «Durch die Förderung von Engagement Migros wurden der Vermittlungsarbeit zum richtigen Zeitpunkt Flügel verliehen, die für positiven Aufschwung und breite Abstützung sorgten, sowie intern und extern das Bewusstsein schärften, was Vermittlung alles kann», so Spicker. «„Nice to have“ war einmal, heutzutage ist die Vermittlungsarbeit ein integraler Bestandteil eines Museums und wird in ihrer Kernkompetenz ernst genommen, mitgedacht, unterstützt, einbezogen und hinterfragt. »


Hand in Hand von Vermittlung und Kuratorium

Dieser Tage beginnt die Planung einer Ausstellung über Buddha, die sich stark auch an Kinder und Jugendliche, Schulklassen und Lehrpersonen richtet. Damit  beschreitet das Museum Neuland: Erstmals ist die Kunstvermittlung schon bei der Ausstellungskonzeption dabei und diskutiert bei den grundlegenden Fragen mit. Welche Themen werden bearbeitet? Was interessiert die Besucher? Welche Objekte werden gezeigt und wie werden sie präsentiert? Gewisse Ausstellungsinhalte werden sogar gemeinsam mit Projektklassen erarbeitet. «Der Austausch von Vermittlungspersonen, Ausstellungsmachern und jungen Besuchenden ist sehr intensiv», so Caroline Widmer. «Damit das Museum als lebendiger Ort der Auseinandersetzung für verschiedenste Altersgruppen funktioniert, ist es zentral, dass die unterschiedlichen Bedürfnisse von Anbeginn an berücksichtigt werden», ergänzt Petra Miersch von Engagement Migros. «Es wäre wunderbar, wenn diese Arbeitsweise zum Standard wird.»